Preisträger

15. Niederländisch-deutscher Kinder- und Jugenddramatikerpreis in Duisburg 2013

 

Im Rahmen des Festivals „Kaas & Kappes“ wurden heute, am 24.02.2013, im Duisburger Kinder- und Jugendtheater KOM’MA die Preisträger des 15. niederländisch-deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreises bekannt gegeben.

Bezirksbürgermeistern Katharina Gottschling überreichte die Preise im Gesamtwert von 7.500 EUR für 4 Theaterstücke.

Von den 121 in diesem Jahr  eingesandten Texten aus fünf verschiedenen Ländern (Deutschland, den Niederlanden, Belgien Österreich, Italien und der Schweiz), wählte die vierköpfige Jury folgende Preisträger aus:

 

Ad de Bont  (NL)

für das Stück  

                "Mehmet de Veroveraar"      (“Mehmet der Eroberer”)

 

€ 2.250
 

Esther Rölz (D)

für das Stück

„4YEO – FOR YOUR EYES ONLY“

€ 1.750

  Anja Hilling (D)

für das Stück

„Was innen geht“

€ 1.750

Carsten Brandau (D)

für das Stück

„Dreier steht Kopf"

€ 1.750

  Neben den Preisträgern empfiehlt die Jury folgende Texte und hat sie in den Stückepool aufgenommen: 

Ulrich Hub (D)

mit dem Stück

„Animal Lounge oder Füchse haben kurze Beine“

Tim Sandweg (D)

mit dem Stück

„Die Meerjungfrau in der Badewanne“

Paul Verrept (B)

mit dem Stück

„Twee vrienden“ („Zwei Freunde“)

Theater miniart (D)

mit dem Stück

„Ännes letzte Reise“

Martin Baltscheit (D)

mit dem Stück

„Nur ein Ei“

Volker Ludwig (D)

mit dem Stück

„Pünktchen trifft Anton“

Shanna Chatterjee (NL)

mit dem Stück

„Vlinder - een meisje zonder naam"
 („Vlinder - ein Mädchen ohne Name“)

  

Informationen über die Jurymitglieder 2013:

Silvia Andringa (NL) – Freie Regisseuerin, künstl. Leitung des Festivals „Halbstark“ in Münster

Renate Frisch (D) – Mitbegründerin des ReibeKuchenTheaters und Regisseurin

Rob Vriens (NL) – Freier Regisseur, u.a. Theaterhaus-Ensemble Frankfurt

Ralph Förg (D) – Geschäftsführer des Filmhauses Frankfurt

 

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Festivalleitung (Helmuth Hensen), Tel.: 0203.283-8485 oder –8486, info@kaasundkappes.de

 

hier die Begründungen der Jury:

 

Mehmet de Veroveraar           (Ad de Bont)

“Erzähl mir die Geschichte von einem Anderen und ich weiß, wer ich bin”

Mehmet der Eroberer erzählt die große Geschichte von zwei Jungs im 15en Jahrhundert, die in total verschiedenen Welten leben und sich trotzdem treffen. Mehmet ist der Sohn von Sultan Murat ll und soll als 12-jähriger schon regieren über das Ottomanische Reich. Cristiano ist der Sohn eines Kardinals aus Rom und soll im gleichen Alter als Abgesandter von Rom nach Konstantinopel reisen. Wegen beider unterschiedlicher Glauben sollten sie eigentlich Feinde sein, aber sie werden gute Freunde. Getrieben von Einsamkeit und Ehrsucht weiß Mehmet als kleines Kind schon, dass er Konstantinopel erobern wird. Er wird später der Schrecken des Westens genannt werden. Aber zunächst soll er verschiedene Hindernisse überwinden, wobei sein eigener Vater –der ihn nicht als Sohn akzeptiert- das größte darstellt. Einmal Sultan geworden, schließt Mehmet eine nahe Freundschaft mit Cristiano, junger Abgesandter und Sohn des Papstes. Als diese Beziehung aufblüht, webt Ad de Bont spannende und faszinierende Themen zusammen: sei es eine  intensive Glaubensdiskussion oder der Streit um eine unmögliche Männerliebe.

Autor Ad de Bont hat ein großes Werk, ein reiches historisches Epos geschrieben mit einem komplexen engagierten Inhalt, der auch heutzutage noch verblüffend aktuell ist. Seine Protagonisten springen von den Seiten hoch und entführen uns in eine mitreißende Story über eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei Männern aus unterschiedlichen Kulturen, die sich doch ineinander wiedererkennen. Die großen Themen im Osten und im Westen scheinen überraschend gleich zu sein. Es geht überall um Liebe. Macht, Eifersucht und Verrat. Der Streit zwischen Ost und West, Christentum und Islam, Kopf und Herz, erscheint und erfolgt zu allen Zeiten.

Ad de Bont hat Ende 2012 in Holland mit diesem Text den Taalunion Theaterautorenpreis gewonnen, die höchste Auszeichnung in Holland. Wir konnten und wollten nicht an diesem außergewöhnlichen Text mit extrem hoher Qualtität vorbeigehen und gratulieren Ad für seine hervorragende Arbeit.

 

4YEO – FOR YOUR EYES ONLY von Esther Rölz

Mit überzeugender Sachkenntnis und spürbarer Sympathie für ihre Protagonisten wendet sich die Autorin einem zentralen Problemfeld der heutigen Jugend zu, dem Cyber-Mobbing. 
Es ist ohnehin nicht leicht, jung zu sein. Man ist unsicher: Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? Wie sehen mich die anderen? Heutzutage  wird diese Unsicherheit auf  komplizierte und gemeine Weise potenziert, im Umgang mit dem sogenannten social -network im virtuellen Raum. Alles scheint hier möglich, aber, so lehrt uns der Text: „Da drin –(im Netz) – gibt’s keine Wahrheit!“ 
Mit „4YEO“ bekommen wir Einblick in einen problematischen Bereich jugendlicher Gegenwart, der  von den verantwortlichen Erwachsenen – die im Stück immer nur als schwache Stimmen aus dem Off zu hören sind - vielfach noch gar nicht als solcher wahrgenommen wird.

Die 15-jährige Anouk und ihr Freund Kian sind als hippe Typen ihrer Bezugsgruppe auf der Sonnenseite der Schulwirklichkeit angesiedelt, wobei selbst die ihre Päckchen zu tragen haben: Anouk hat eine frühe Erfahrung mit sexueller Fremdbestimmung und Kian ist als Mitläufer einer Mobber-Gruppe  und ergebener Verehrer seiner Freundin auch nicht ganz autonom. Aber das eigentliche Angriffsziel ist Sven, der typische Vertreter der introvertierten Computerfreaks, ein spinnerter „MOF“, = Mensch ohne Freunde, wie die facebook-Community titelt, woraufhin Anouk die zentrale Frage stellt: „Spinnt er, weil er ein MOF ist, oder ist er ein MOF, weil er spinnt?“ Jedenfalls ist sie bereit, mal mit ihm zu reden, als er sie per Geheimbriefchen „For your eyes only“ darum bittet. Unglücklicherweise wird die Botschaft  entdeckt und schnell ein Konsens in der vernetzten Peergroup hergestellt: Es ist beschlossene Sache, dass ein solcher „Spast“ sich nicht an die angesagte Anouk „Toller style, tolles Foto, supersüüüüß“ heranmachen darf und damit ist die Treibjagd eröffnet. Dabei begnügt man sich nicht  - und das ist die Tragik der gegenwärtigen Situation - mit körperlichen Angriffen und Demütigungen, sondern diese werden gefilmt und an den virtuellen Pranger gestellt, was das Opferschicksal des Leidtragenden besiegelt.
Was das Stück auf eindrucksvolle Weise schafft, ist, den Zuschauer mit auf einen Prozess der Demontage zu nehmen, indem er Zeuge davon wird, wie die Heldin selbst ihren anfänglich prominenten  Status im Netz verliert und bis an den Rand der Selbstaufgabe getrieben wird.

Auf der Bühne, die Anouk auf der einen und Sven auf der anderen Seite in ihren Zimmern zeigt, kann der Zuschauer unmittelbar miterleben und miterleiden, was die jeweils geposteten Nachrichten beim Empfänger anrichten. Und indem man dies miterlebt, möchte man beständig eingreifen und warnen: Nein! Tu’s nicht! 
Sprache und Verhalten der Figuren erscheinen authentisch, ihre Ängste und existentiellen Nöte glaubhaft und die allgemeine Wehrlosigkeit angesichts der Entwicklung erschütternd. 
Ein spannendes Stück für Jugendliche ab 14 und ihre Erwachsenen, an die eindringlich appelliert wird, genauer hinzuschauen.

 

  

4YEO – FOR YOUR EYES ONLY van Esther Rölz

Met overtuigende kennis van zaken en voelbare sympathie voor haar protagonisten behandelt de schrijfster een centraal thema van de hedendaagse jeugd, internet-pesten.

Het is ondanks alles niet makkelijk jong te zijn. Je bent onzeker. Wie ben ik? Hoe zien anderen mij? Tegenwoordig wordt die onzekerheid soms op complexe en wrede wijze in de virtuele wereld geëxposeerd. Alles schijnt te mogen, maar, zo toont de tekst ons, ‚Daarbinnen bestaat geen waarheid.“

Met „4YEO“ krijgen we een blik in een problematisch deel van de alledaagse wereld van jongeren. Die door de verantwoordelijke volwassenen –die in het stuk alleen als stemmen opduiken-  nog niet eens als dusdanig gehoord worden.

De 15-jarige Anouk en haar vriend Kian bevinden zich als hippe types aan de zonzijde van hun wereld. Ze dragen zelf hun lot. Anouk is al vroeg in aanraking gekomen met ongewenste sexuele intimiteiten en Kian is als meeloper in een pestgroepje niet bepaald autonoom.  Maar het slachtoffer is hier Sven,  de typische vertegenwoordiger van de introverte computerfreaks, een wereldvreemde MZV-er (Mens Zonder Vrienden) zoals hij op Facebook betitelt wordt. Waarop Anouk de vraag stelt.: „Is hij vreemd omdat hij een MZV-er is of is hij een MZV-er omdat hij vreemd is?“ In ieder geval is ze bereid met hem te praten wanneer hij via een geheim bericht (For your eyes only) daarom vraagt. Maar de boodschap wordt onderschept en openbaar gemaakt. Het is duidelijk date en dergelijke Spast zich niet mag inlaten met populaire Anouk en daarmee is de jacht geopend. Deze speelt zich niet alleen in de reeële wereld af, en dat is de tragiek van deze situatie, met lichamelijk geweld en uitdagingen, maar wordt gefilmd en op het net geplaatst wat het lot van het slachtoffer nog groter maakt.

Wat deze tekst op indrukwekkende manier lukt is de toeschouwer het hele proces inzichtelijk te maken en mee te voeren, wanneer hij er getuige van wordt dat Anouk, eerst bestempeld als heldin, langzaam afzakt en haar status verliest.

Op het toneel worden de twee kamers van zowel Anouk als Sven naast elkaar getoond. De toeschouwer kan meeleven en meelijden met wat de geposte berichten allemaal voor schade aanrichten. En als je er ingezogen wordt zou je uit willen schreeuwen; „Doe het niet!“

Taal en weergave van de personages zijn authentiek. Hun angsten en existentiële nood geloofwaardig en de algemene weerloosheid van de geschiedenis ontluisterend.

Een spannend stuk voor 14-jarigen en volwassenen, op wie op indringende wijze een beroep gedaan wordt, beter (mee-) te kijken en op te letten.

 

 „Was innen geht“ von Anja Hilling

„Mein Name ist Ovid. Ich bin vierzehn.“ So die ersten Zeilen des Theatertextes, den Anja Hilling, gemäß eigener Angabe als „denkbar für zwei bis acht Schauspieler“ geschrieben hat.

Woher die Sprachmacht? Woher die Eindringlichkeit der Gefühlsäußerungen des Protagonisten? Woher der Einfallsreichtum der Beschreibung von Gefühlsmomenten jenseits vulgärpsychologischer Gefühle? Woher der Rhythmus, der Druck, der Eifer, die aus Worten erwachsende Bildgewalt, mit der Anja Hilling ihren Ovid durch ein von Schicksalsschlägen geprägtes Leben jagen lässt? Woher die Kraft, die das Innerste, die vielfältigen einander widersprechenden, sich überlagernden emotionalen Ströme kund werden lässt? Woher? Anja Hilling schöpft aus dem Vollen. Dem Vollen der deutschen Sprache, die, ohne jemals bemüht antikisierend zu wirken, die ganze ihr innewohnende Kraft entfaltet, dem Vollen der sich daraus erhebenden Bilderströme und Gedankenwelten, dem Vollen des sich rasch entfaltenden mitreißenden Schicksals  des jungen Mannes, dessen äußeres wie inneres Erleben wir miterfahren müssen.

Dass ein junger Mann, der im Text Ovid genannt wird, unter extrem widrigen Bedingungen in einer Familie aufwächst, dass verständlicherweise sein schulisches und außerschulisches Dasein ein fortwährendes Scheitern beinhalten muss, dass dies schließlich in sprachlich weit ausgeleuchteten Gefühlsräumen zum Extremen führt: dies macht das Drama aus. Dass dieses Drama vorzutragen kein leichtes Anliegen sein wird, bei der Dichte des Textes, der Getriebenheit und dem Rhythmuswechseln der Darbietung; insofern ist der Hinweis auf „zwei bis acht Schauspieler“ die Ovids innere und äußere Stimme und die Stimmen auch der Gegenspieler übernehmen sollen, alles andre als eine Maniriertheit der Autorin.

Mit dem Titel „Was innen geht“ hat Anja Hilling treffsicher den zeitgenössischen Jugendjargon „Was geht?“ assoziativ mit dem an Joyce gemahnenden inneren Monolog des Protagonisten verknüpft und angedeutet, dass diese innere Welt sich – überbordend – um Grenzen nicht schert.

Ein junger Mann und seine Grenzerfahrung – eine Grenzerfahrung auch für das zeitgenössische Theater und seine Bühnen. Eine Wucht an Text, eine Wucht an Lebensbeschreibung eines Jungen, eine Wucht an Sprache, Dichtung, Drama.

 

Dreier steht Kopf von Carsten Brandau

„Eine Reihenfolge ist eine Reihenfolge, bleibt immer gleich, ändert sich nie. Sonst passieren blöde und im wesentlichen uninteressante Sachen wovon niemand was hält. Also, lass  es deutlich sein: Einer ist immer der Erste, Zweier ist immer der Zweite. Immer…! Ordnung muß sein.“

Das ist Ausgangspunkt  von dem neuen Text von Carsten Brandau. Sein sprachliches Spiel mit festgelegten Plätzen, wichtigen aber anstrengenden Gewohnheiten und immer gleichbleibenden Reihenfolgen ist spielerisch und voller Witz. Wiederholungen und Sprachwitze machen den Text sowohl herrlich zu lesen als auch zu spielen. Das junge Publikum wird sich entzückt auf die Einrichtung von erst mal ein, zwei, aber… Hilfe -das macht alles noch komplizierter- da kommt ein Dritter… einlassen.

Es ist Carsten Brandau gelungen, für ein sehr junges Publikum einen komplizierten aber reizenden  Text zu erschaffen, der mathematisch klingt und gleichzeitig wichtige Sachen thematisiert: Wer bin ich? Wer bist du? Wie passen wir zusammen? Dies alles ist so locker und äußerst humorvoll geschrieben, dass jeder sich davon einnehmen lässt und mitgeht.

Die Jury zeichnet Carsten Brandau aus für ein eindringliches, gleichzeitig komplexes und sprachlich hoch ambitioniertes Vexierspiel. Sein Geheimnis um Spiel und Ordnung wird nie ganz offenbart und durch eine überraschende und gekonnte Dramaturgie begeistert es sehr.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Festivalleitung (Helmuth Hensen), Tel.: 0203.283-8485 oder –8486, info@kaasundkappes.de

 

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